Freitag, 25. Mai 2012

Männliche Chefs haben's schwerer als weibliche.

aus scinexx

Fehler schaden männlichen Chefs mehr als weiblichen

Geschlechtereffekt findet sich vor allem in klassisch männlichen Berufen

Männlichen Chefs werden Fehler eher übel genommen als weiblichen: Wenn ein Mann in einer Führungsposition etwas falsch macht, leidet sein Ansehen bei seinen Mitarbeitern deutlich stärker, als wenn eine weibliche Führungskraft den gleichen Fehler begeht. Das zeigt eine Studie US-amerikanischer Forscher, in der knapp 300 Probanden das Verhalten fiktiver Arbeitgeber beurteilen sollten. Besonders ausgeprägt war der Geschlechtsunterschied, wenn es sich bei dem Tätigkeitsfeld um eine klassisch männliche Domäne handelte, beobachtete das Team. Dahinter steckt vermutlich das althergebrachte Rollenbild der Geschlechter: Bei Männern wird Stärke und Kompetenz vorausgesetzt, während von Frauen in bestimmten Bereichen gar nicht erst erwartet wird, dass sie sich bewähren. Über ihre Studie berichten Christian Thoroughgood von der Penn State University in University Park und seine Kollegen im Fachmagazin "Journal of Business and Psychology“.

Führungskräfte müssen Kompetenz und Durchsetzungsvermögen ausstrahlen, damit ihnen ihre Mitarbeiter vertrauen und ihren Anweisungen folgen. Bereits in einer früheren Studie hatten Psychologen gezeigt, dass männliche Vorgesetzte dabei vor allem mit klassisch männlichen Eigenschaften punkten: Selbst Aggressionen, Wut und Ärger werden eher positiv ausgelegt, eine Rechtfertigung oder Erklärung des eigenen Verhaltens hat dagegen einen negativen Einfluss auf das Ansehen. Bei weiblichen Führungskräften ist die Lage genau umgekehrt: Zeigen sie Anzeichen von Ärger, gelten sie schnell als cholerisch und damit weniger kompetent.

Die neue Studie weist in eine ähnliche Richtung. In diesem Fall untersuchten die Forscher jedoch, wie sich Fehlentscheidungen auf das Ansehen der Führungskräfte auswirkten. Dazu rekrutierten sie 284 Studenten, die im Durchschnitt auf drei Jahre Erfahrung als Arbeitnehmer zurückschauen konnten. Die Probanden sollten sich vorstellen, sie seien Angestellte und wurden dann gebeten, angebliche E-Mails beurteilen, in denen das Verhalten ihres Vorgesetzten beschrieben wurde. Ein Teil der Mails beschrieb die Arbeit im einem Krankenhaus, bei der die Führungskraft als Oberschwester beziehungsweise als Oberpfleger bezeichnet wurde. Der Rest bezog sich auf eine Baufirma, in der Vorgesetzte der Vorarbeiter oder die Vorarbeiterin war. Zu den angeblichen Fehlern gehörten beispielsweise falsche Bestellungen - im Fall des Krankenhauses von Medikamenten und Verbandsmaterial, in der Baufirma von Steinen und Aluminiumrohren.

Drastische Vertrauenseinbußen bei Männern im Baugewerbe

Die Testteilnehmer füllten nach dem Lesen der E-Mails Fragebögen aus, in denen sie mehrere Fragen beantworten sollten, darunter wie kompetent ihnen die Führungskraft erscheint, als wie effektiv sie sie beurteilen würden und ob sie gerne für diesen Chef arbeiten würden. Das Ergebnis: Fehler senkten wie erwartet insgesamt das Ansehen der Vorgesetzten sowie die Bereitschaft, für sie zu arbeiten. Wie ausgeprägt der Effekt war, kam jedoch auf den Kontext an. So machte es im Krankenhaus keinen Unterschied, ob die fehlermachende Führungskraft männlich oder weiblich war. Im Baugewerbe dagegen büßten männliche Vorarbeiter massiv an Ansehen ein, während ihren weiblichen Pendants die Fehlentscheidungen nahezu vollständig verziehen wurden.

Offenbar greifen hier alte Stereotype der Geschlechterrollen, interpretieren die Forscher ihre Ergebnisse. Besonders das Vorurteil "echte Männer machen keine Fehler" scheine einen starken Einfluss auf die Bewertung zu haben. Als Fazit daraus sollte man Führungskräften eigentlich empfehlen, gar keine Fehler zu machen, meinen die Forscher. Da das allerdings völlig unrealistisch sei, sollten sie zumindest ein differenziertes Fehlermanagementsystem einführen und sich der unterschiedlichen Wirkungen verschiedener Fehler bewusst sein. (doi: 10.1007/s10869-012-9263-8)

(Journal of Business and Psychology, 25.05.2012


Nota.

Sieh mal an. Ich hörte bislang, Frauen seien so selten in Führungspositionen, weil mann ihnen dort das Leben so schwer macht. Und jetzt erfahren wir, dass mann auch dort noch Kavalier ist! Es bleibt nach vierzig Jahren vom Feminismus buchstäblich nix mehr übrig, selbst wenn alle Welt noch immer seine Phrasen drischt.
J.E. 

Dienstag, 22. Mai 2012

Stress macht Männer verträglicher.

Pressemitteilung

Gestresste Männer sind sozialer


Rudolf-Werner Dreier 
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

21.05.2012 13:30

Freiburger Wissenschaftler haben die gängige Lehrmeinung widerlegt, dass Stress stets aggressives Verhalten hervorruft

Ein Forschungsteam unter der Leitung der Freiburger Psychologen und Neurowissenschaftler Prof. Dr. Markus Heinrichs und Dr. Bernadette von Dawans hat in einer Studie untersucht, wie Männer in Stresssituationen reagieren – und mit den Ergebnissen eine fast 100 Jahre alte Lehrmeinung widerlegt. 

Dieser zufolge sollen Menschen und die meisten Tierarten bei Stress die „Kampf-oder-Flucht-Reaktion“ („fight-or-flight“) zeigen. Erst seit den späten 1990er Jahren vertreten einige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die These, dass Frauen unter Stress alternativ nach dem „Tend-and-befriend-Konzept“ handeln, also mit einem beschützenden („tend“) und Freundschaft anbietenden („befriend“) Verhalten reagieren. Männern hingegen wird nach wie vor unterstellt, bei Stress aggressiv zu werden. Zu Unrecht, sagt von Dawans: „Offenbar zeigen auch Männer soziales Annäherungsverhalten als unmittelbare Konsequenz von Stress.“

Mit dieser Studie hat das Forschungsteam erstmals das Sozialverhalten bei Männern unter Stress experimentell untersucht. Die Ergebnisse stellen die Wissenschaftler in der aktuellen Ausgabe des renommierten internationalen Fachjournals Psychological Science vor. An der Studie waren die Ökonomen Prof. Dr. Ernst Fehr von der Universität Zürich/Schweiz und Prof. Dr. Urs Fischbacher von der Universität Konstanz sowie der Psychologe Prof. Dr. Clemens Kirschbaum von der Technischen Universität Dresden beteiligt. Schon im vergangenen Jahr hatten Heinrichs und von Dawans ein standardisiertes Verfahren entwickelt, um in Vortragssituationen Stress in Gruppen zu erzeugen. Die Folgen für das Sozialverhalten untersuchten die Forscherinnen und Forscher nun in ihrer Studie mit eigens konzipierten sozialen Interaktionsspielen. Diese ermöglichen es, positives Sozialverhalten, zum Beispiel Vertrauen oder Teilen, und sozial negatives Verhalten, etwa Bestrafen, zu messen.

Im Ergebnis zeigten Probanden, die unter Stress standen, deutlich mehr positives Sozialverhalten als Probanden der Kontrollgruppe, die sich nicht in einer Stresssituation befanden. Negatives Sozialverhalten jedoch wurde durch Stress nicht beeinflusst. Für Markus Heinrichs hat dies weit reichende Konsequenzen für ein besseres Verständnis der sozialen Bedeutung von Stress: „Aus vorherigen Studien unseres Labors wussten wir bereits, dass positiver sozialer Kontakt mit einem vertrauten Menschen vor einer Stresssituation die Stressreaktion reduziert. Offenbar ist diese Bewältigungsstrategie so stabil verankert, dass Menschen auch unmittelbar im oder nach dem Stress durch positives soziales Verhalten Stressreaktionen verändern können.“

Originalveröffentlichung:
von Dawans, B., Fischbacher, U., Kirschbaum, C., Fehr, E. & Heinrichs, M. (2012). The social dimension of stress reactivity: acute stress increases prosocial behavior in humans. Psychological Science, in press.

Weitere Informationen:
www.psychologie.uni-freiburg.de/abteilungen/psychobio

Kontakt:
Prof. Dr. Markus Heinrichs
Institut für Psychologie
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Tel.: 0761/203-3029
Fax: 0761/203-3023
E-Mail: heinrichs@psychologie.uni-freiburg.de

Dienstag, 15. Mai 2012

Unser erstes Bild war das vom Weib.



aus Der Standard, Wien, 15. 5. 2012 

Am Anfang war die Vulva

Ein internationales Anthropologenteam datiert 37.000 Jahre alte französische Wandkunst - die früheste der Welt.

von Klaus Taschwer 

Einen stichhaltigen Beweis dafür liefert nun jedenfalls ein internationales Anthropologenteam, das auf einem 2007 entdeckten Sandsteinblock die bislang ältesten bekannten "künstlerischen" Gravuren entdeckten. Und was da vor 37.000 Jahren eingeritzt wurde, waren buchstäblich in erster Linie Darstellungen der Vulva, wie die Forscher um Randall White (New York University) im Fachblatt PNAS berichten. Washington/Wien - Dass männliche Pubertierende gerne ein Wort auf Wände schmieren, das drei Buchstaben hat und mit einem Strich und einem O zu Auto umformuliert werden kann, hat eine ziemlich lange Tradition. Ja, es gibt sogar gute Gründe zur Annahme, dass alle Wandkunst von Homo sapiens genau damit begonnen hat: mit symbolischen Darstellungen des primären weiblichen Geschlechtsorgans. 


Der Ort, wo der künstlerisch und wissenschaftliche wertvolle Fels gefunden wurde, heißt Abri Castanet, liegt im südwestfranzösischen Tal der Dordogne, ganz in der Nähe der Höhlen von Lascaux. Die Region gilt seit langem als eine bedeutende Fundstätte für Artefakte der sogenannten Aurignacien, der ältesten Kultur der Jungsteinzeit in Europa. Archäologen haben in der Gegend von Abri Castanet schon vor Jahren durchbohrte Tierzähne, Muscheln, Elfenbein, aber auch Bilder auf Kalksteinplatten entdeckt.

Einen ganz besonderen Fund machten die Forscher 2007 mit einem 1,5 Tonnen schweren Sandsteinbrocken, der den damaligen Menschen - man vermutet: Rentierjägern - als Schutz diente, ehe er aus dem Felsen brach.

Auf der Unterseite des Steinblocks stieß das Team um White nämlich auf etliche Einritzungen und Malereien, die durch den Felssturz gut erhalten geblieben waren. Neben anderen Ornamenten fanden sich wiederholt ovale Symbole, die von den Wissenschaftern als Darstellung des weiblichen Geschlechts gedeutet wurden - zumal diese Darstellungen auch schon von anderen Aurignacien-Funden bekannt waren.  

Die Altersbestimmung mittels Radiokarbonmessungen ergab dann einen Weltrekordwert: Die Wandkunst ist laut den Bestimmungen der Archäologen höchstwahrscheinlich 37.000 Jahre alt und damit älter als die Malereien der Chauvet-Höhle im Südosten Frankreichs, die bis jetzt als die älteste Wandkunst der Welt galt. Das Alter dieser Darstellungen, die vor kurzem erst durch den Film Die Höhle der vergessenen Träume von Werner Herzog über die Wissenschaft hinaus Bekanntheit erlangte, wird auf bis zu 35.000 Jahre geschätzt. Im Unterschied zur Chauvet-Höhle, die tief unter der Erde und weit weg von den damaligen Schlafstätten der Menschen war, dürfte die Wandkunst von Abri Castanet direkt mit dem Alltagsleben verbunden gewesen sein, sagt White und folgert daraus: "Die Steinzeitmenschen der Aurignacien funktionierten wohl ähnlich wie die Menschen heute."


aus New York Times, 15. 5. 2012

A Precursor to Playboy: Graphic Images in Rock 

By SINDYA N. BHANOO 

It is “the oldest evidence of any kind of graphic imagery,” said Randall White, an anthropologist at New York University and one of the researchers working on the project.

He and his colleagues report their findings* in the current issue of The Proceedings of the National Academy of Sciences.

The drawings include what appear to be images of the female vulva, illustrated by circles with small slits on one side. “You see this again and again and again,” Dr. White said. There are also very simple images, in profile, of animals, including horses and lionlike big cats, he said. 

The work was discovered on a collapsed roof of a rock shelter at the Abri Castanet site in the Vézère River valley in southwest France. Humans at the time lived in such shelters, Dr. White said, and it was a period of cultural naissance.

“They were working with ivory beads and other personal ornamentation,” he said. “They were decorating their bodies in complex ways.”

Dr. White and his team are continuing their excavation work at the site and hope that by deciphering more of the art, they can understand the culture of the people better.



“What we hope to be able to do is map the distribution of images on the ceiling and all of the activities of the time,” he said. “There may be a relationship between the art on the ceiling and their lives.”

siehe hier


*Abstract

We report here on the 2007 discovery, in perfect archaeological context, of part of the engraved and ocre-stained undersurface of the collapsed rockshelter ceiling from Abri Castanet, Dordogne, France. The decorated surface of the 1.5-t roof-collapse block was in direct contact with the exposed archaeological surface onto which it fell. Because there was no sedimentation between the engraved surface and the archaeological layer upon which it collapsed, it is clear that the Early Aurignacian occupants of the shelter were the authors of the ceiling imagery. This discovery contributes an important dimension to our understanding of the earliest graphic representation in southwestern France, almost all of which was discovered before modern methods of archaeological excavation and analysis. Comparison of the dates for the Castanet ceiling and those directly obtained from the Chauvet paintings reveal that the “vulvar” representations from southwestern France are as old or older than the very different wall images from Chauvet.




Nota.

Bislang galt, dass Darstellungen vom Menschen erst viel später und auch dann nur sehr schematisch in den paläolithischen Höhlen aufgetreten sind. Jetzt erfahren wir: Später nicht, aber schematisch schon - pars pro toto.
J.E.


Sonntag, 6. Mai 2012

Alles doch nur Erziehung?

aus NZZ am Sonntag, 6. 5. 2012

Angeboren ist wenig 
 
Die meisten Unterschiede zwischen Mann und Frau gäbe es ohne den Einfluss der Gesellschaft nicht

von David Signer 

Manche Männer wollen lediglich schön und begehrenswert sein. Die Wodaabe Bororo, Nomaden im Sahel, feiern alljährlich einen Wettbewerb, bei dem die Männer sich möglichst verführerisch präsentieren und die Frauen sich einen Ehemann oder Liebhaber aussuchen können - siehe Bild oben. 

Für den Anlass, Guérewol genannt, schminken sich die Männer und donnern sich mit Straussenfedern, Kaurischnecken, Hüten und Schmuck auf. Dann tanzen sie stundenlang in einer Reihe, während die Frauen sie begutachten. Die Tänzer achten darauf, ihre Zähne zu blecken und zugleich zu lächeln, weil ein strahlendes Weiss als attraktiv gilt. Deshalb öffnen sie auch die Lider möglichst weit und rollen unaufhörlich mit den Augen. Manche benutzen den schwarzen Puder in alten Batterien, um sich die Lippen zu schminken. Das ist zwar giftig, aber «Schönheit muss leiden». Schon während der Vorführung geben Frauen den Tänzern zu verstehen, wenn sie ein Auge auf sie geworfen haben, und besonders sexy Exemplare werden bereits am Rande der Veranstaltung vernascht. Eine Jury aus jungen Frauen wählt dann die Nummer 1, deren Ruf sich durch den halben Sahel verbreitet.

Solche Beispiele aus Gesellschaften, in denen sich die Geschlechterrollen radikal von den unseren unterscheiden, sind nicht nur ethnologische Kuriosa. Sie erinnern uns daran, wie sehr «weibliches» oder «männliches» Verhalten kulturbedingt ist. Und zeitbedingt. So scheint es uns natürlich, dass Rosa den Mädchen und Blau den Knaben zugeordnet wird. Aber jahrhundertelang war es genau umgekehrt. Weil Rot als männlich galt, ordnete man auch das verwandte Rosa selbstverständlich den Knaben zu. Und die Mädchen kleidete man in Blau, der Farbe der Jungfrau Maria.

Mann oder Frau? So klar sind die Unterschiede nicht, wenn beim Model Andrej Pejic biologisch auch das Männliche überwiegt. (Bild: Keystone / AP) Mann oder Frau? So klar sind die Unterschiede nicht, wenn beim Model Andrej Pejic biologisch auch das Männliche überwiegt.

Schluss mit «naturgegeben» 

1951 machte Simone de Beauvoir in ihrem Buch «Das andere Geschlecht» Schluss mit all den «naturgegebenen» Unterschieden. «Man wird nicht als Frau geboren, man wird es» wurde zum feministischen Fanal. Fortan beherrschte das Stichwort «Gender» die Diskussion, also die These, dass «Männlichkeit» und «Weiblichkeit» zum grossen Teil nicht biologisch bedingt, sondern gesellschaftlich konstruiert seien. 

Das änderte sich vor ein paar Jahren, als das Pendel – im Gefolge der Faszination für Gehirnforschung – wieder Richtung «angeborene Unterschiede» ausschlug. Nun wurde die Geschlechterdebatte erneut von biologischen Argumenten dominiert, die nicht mehr Gleichheit, sondern Differenz in den Vordergrund rückten. Ein ganzer Stapel von Büchern folgte: «Männer sind vom Mars, Frauen sind von der Venus», «Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken», «Das weibliche Gehirn», «Männer sind anders, Frauen auch». 

Aber nun scheint das Pendel erneut in die andere Richtung auszuschlagen. Und es ist ausgerechnet eine Gehirnforscherin, die die populären Werke über angebliche Unterschiede der Gehirne von Mann und Frau zerpflückt. In «Die Geschlechterlüge» zeigt Cordelia Fine, dass die «wissenschaftlichen» Bestseller über Mann-Frau-Unterschiede nur alter Wein in neuen Schläuchen sind. 

Das Muster ist dabei mehr oder weniger immer das gleiche: Man nehme irgendein stereotypes Vorurteil und suche irgendein Pendant im Gehirn. Und da wir – entgegen dem breitspurigen, allwissenden Auftreten von manchen Autoren – in Wirklichkeit extrem wenig wissen über die physiologischen Vorgänge unter unserer Schädeldecke, wird man immer «irgendetwas» finden, was als Beleg für das Gesuchte herhalten kann.

So hat zum Beispiel vor einigen Jahren Michael Carr-Gregg, ein renommierter australischer Kinderpsychologe, in einem Artikel tatsächlich behauptet: «Mädchen mögen Rosa, weil ihre Gehirne völlig anders strukturiert sind als die von Knaben.» Es wäre erstaunlich, wenn ein Phänomen, das erst seit fünfzig Jahren und nur im Westen existiert, ein physiologisches Pendant im Hirn hätte.

Nach diesem Muster funktionieren auch «Das weibliche Gehirn» und «Das männliche Gehirn» von Louann Brizendine. «Die Gehirne von Männern und Frauen unterscheiden sich vom Augenblick der Befruchtung an», lautet der Kernsatz. Aber weder kann man bei einer soeben befruchteten Eizelle von einem Gehirn reden noch von einem Geschlecht (das bildet sich erst nach drei Monaten heraus). Die Figuren, die Brizendines Werk bevölkern, sind dann auch Karikaturen. Wenn «Evan» feststellt, dass seine Frau verstimmt ist, setzt er sich neben sie, legt zerstreut einen Arm um ihre Schultern und liest die Zeitung, um sich von der unguten Atmosphäre abzulenken. Ist Evan ein Zombie? Nein, er hat laut Brizendine einfach ein typisches Männergehirn, dessen «Verdrahtungen» ihn kaum zu Empathie befähigen (offenbar bestehen Männergehirne aus Metall). Demgegenüber kann Evans Ehefrau seine Befindlichkeit schon erkennen, bevor sie ihm selbst bewusst ist. Ihr Gehirn ist eine «Hochleistungs-Gefühl-Maschine», deren «Manöver einem Kampfflugzeug alle Ehre machen würden».

Geht es allerdings um Mathematik und Naturwissenschaften, macht ihr Superjet eine Bruchlandung. Er ist einfach nicht dafür ausgerüstet. Das liegt je nachdem am mangelnden Testosteron, am überdimensionalen weiblichen Gehirn-Balken, an der mangelnden zerebralen Spezialisierung bei den Frauen oder an der spärlich ausgebildeten weissen Substanz. 

Einschüchternde Autorität 

 Das klingt ein bisschen vage? Richtig. Das klingt nicht nur vage, das ist es auch. Weil es sich um Zirkelschlüsse handelt. Zuerst verwandelt die Biologistin Brizendine die realen, lebenden Frauen und Männer in Roboter in Jupes und Hosen. Dann erklärt sie, wenn die Geschlechter dermassen unterschiedlich seien, müsse das an den Hirnen liegen, und – schwuppdiwupp – findet sie prompt etwas. (Tatsächlich findet sie oft keine oder nur minimale Unterschiede, die sie dann je nach Erfordernis konstruiert, zurechtbiegt oder aufbauscht.)

Die Hirnforschung verfügt heute über einschüchternde Autorität. Ein Weisskittel braucht bloss etwas von «neuronalen Schaltkreisen» zu raunen, und schon herrscht andächtiges Schweigen. Das Revival des Biologismus dürfte auch damit zusammenhängen, dass viele Eltern das Gefühl haben, ihre Kinder geschlechterneutral zu erziehen (auch Mädchen dürfen mit Autos spielen), und dann erstaunt sind, wie «stereotyp» sie sich doch entwickeln. «Also ist wohl doch angeboren», sagen sie sich dann.

Dabei vergessen sie, wie sehr wir auch von subtilen Beeinflussungen und Rollenerwartungen geprägt werden (das sogenannte Priming, siehe Kasten). Ganz zu schweigen von handfesten Stereotypen. Man muss bloss einmal einen Spielzeugladen oder ein Kinderkleider-Geschäft betreten. Die erste Frage des Personals ist routinemässig «Junge oder Mädchen?», selbst wenn man eine Strampelhose für ein Neugeborenes sucht. Und im Fall eines Mädchens kann man Gift darauf nehmen, dass man dann von einer Lawine von Rosa überrollt wird. Aus der Distanz betrachtet ist das eigentlich ebenso seltsam wie der Balztanz der Wodaabe Bororo.

 

Lob und Tadel



dai. Seit ein paar Jahren macht in der Psychologie ein Phänomen namens «Priming», das man auf Deutsch wohl mit 
«Bahnung» übersetzen könnte, Furore. Priming bezeichnet dabei den Umstand, dass Testresultate sich massiv verändern, wenn man den sozialen Kontext variiert. Ein gutes Beispiel bietet das räumliche Vorstellungsvermögen, das generell als männliche Domäne angesehen wird. Bei entsprechenden Tests schneiden Frauen in der Regel dann auch schlechter ab als Männer. Das ändert sich aber, wenn man ihnen vorher sagt, ihr Gehirn sei für den Test besser gerüstet als das männliche. Dann gibt es plötzlich keine Unterschiede der Testresultate mehr. Dasselbe Phänomen lässt sich bei der angeblich biologisch bedingten weiblichen Fähigkeit zur Einfühlung erkennen. Auch Empathie ist abhängig davon, ob stereotype Erwartungen geschürt werden oder nicht.

Donnerstag, 26. April 2012

Was für ein Unterschied!

aus Die Presse, 22. 4. 2012
 
Buben und Mädchen: Der große Unterschied 

Buben lieben Autos und laufen gern. Mädchen lieben Puppen und reden gern. Heißt das, dass sie von Natur aus gar nicht anders können? Oder werden ihre Gehirne schon sehr früh durch Erziehung und Sozialisation blau und rosa gefärbt? 

von Doris Kraus 

Noah war noch keine 15 Monate alt, als er auf der Straße regelmäßig in Ekstase geriet. Er beugte sich in seinem Kinderwagen vor, stieß begeisterte Laute aus – reden konnte er noch nicht – und stellte damit seine Eltern vor ein Rätsel. Es gab keine Straßenbahn im Umkreis, keinen Bus, keinen Wagen der Müllabfuhr. Es dauerte einige Zeit, bis sie den Konnex herstellten: Motorräder, am Straßenrand abgestellt, waren es, die ihren Sohn in Verzückung versetzten. Mit Stofftieren hatte Noah es hingegen nie. Die waren – und blieben – die Domäne seiner Schwester, die Bärli und Hasi liebevoll hegte, pflegte, wickelte und mit besten Absichten im Bad ertränkte.

Die Eltern von Noah und Franziska stellte das vor eine Frage, mit der sich nicht wenige Mütter und Väter herumschlagen: „Wie kommt das? Wir haben unsere Kinder gleich behandelt, haben ihnen die gleichen Spielsachen angeboten.“ Als einziger Berührungspunkt erwies sich der Puppenwagen, wenn auch mit geringfügigen Abwandlungen: Franziska kutschierte damit ihre flauschigen Freunde herum, Noah reduzierte ihn auf den Umstand, dass er Räder hatte. „Brumm-Brumm“, schloss Noahs Mutter, „ist offenbar auf dem Y-Chromosom angesiedelt.“

Ob sie mit diesem Witzchen ins Schwarze getroffen hat, wird sie allerdings nicht so bald erfahren. Denn unter Wissenschaftlern klaffen die Meinungen, was Buben zu Buben und Mädchen zu Mädchen macht, hartnäckig auseinander. Der Streit zwischen „Nature“ (der neurologisch-biologischen Denkschule) und „Nurture“ (Erziehung und Sozialisation) tobt ebenso unvermindert wie unentschieden weiter – einmal stärker in die eine, einmal stärker in die andere Richtung, gesteuert von gesellschaftspolitischen Interessen und Ideologien.

Dominierte im Fahrwasser der 68er-Generation die Idee, dass Geschlecht ein soziales Konstrukt ist und beliebig gestaltet werden kann, wendete sich das Blatt ab den 1990er-Jahren zugunsten der rapide voranschreitenden Hirnforschung. Diese lieferte dann auch entsprechende Ergebnisse: Buben haben eine stärker ausgeprägte rechte Gehirnhälfte. Räumliches und mathematisches Denken sowie die Bewegungskoordination werden rechts verarbeitet. Deshalb sprechen Buben auf alles an, was sich bewegt. Links sitzt hingegen das Sprachzentrum, das maßgeblich an der Ausbildung sozialer Fähigkeiten beteiligt ist. Außerdem sind die beiden Gehirnhälften bei Mädchen besser vernetzt. [Nota:  Von diesen 'Befunden' hat jedoch - das hat die Autorin wohl verschlafen - nichts der späteren Überprüfung standgehalten. Die Unterschiede sind im Gehirn wirklich nicht so groß; aber ziemlich zahlreich...]

„Talkers“ und „Walkers“. Das, so die Schlussfolgerung, macht Mädchen schon früh zu verbaleren und sozialeren Wesen („Talkers“), während Buben sich zwar schlechter ausdrücken, dafür aber schneller entscheiden und sich besser bewegen können („Walkers“): „Mit einem Jahr beträgt der Unterschied in der Sprachentwicklung zwischen Buben und Mädchen ungefähr vier Wochen“, sagt Brigitte Rollett, ehemalige Leiterin der Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Uni Wien. Dafür sind kleine Buben den Mädchen rund zwei Monate voraus, wenn es um Bewegung geht. Und auch bei den Besuchen in der Unfallabteilung der örtlichen Krankenhäuser. Obwohl männliche Säuglinge eher als stressanfällig gelten, zeigen sie oft weniger Angst als ihre weiblichen Gegenüber.

Mädchen sind dafür schon sehr früh Meisterinnen, was Gesichtsausdrücke und Gesten angeht. Sie zeigen viel früher als Buben die Fähigkeit zur Nachahmung, reagieren stärker auf menschliche Stimmen und halten länger Augenkontakt. Im Kindergartenalter bevorzugen sie oft feinmotorische Aktivitäten wie Basteln, Buben ziehen hingegen in die Bauecke ab oder gehen zum Toben auf die Matte.

Als Ursache wird gern die Evolution angeführt. Männer seien darauf angewiesen gewesen, in Gefahrensituationen schnelle Entscheidungen zu treffen und ebenso rasch (und nicht immer sehr überlegt) zu handeln, wobei ihnen auch das Hormon Testosteron den nötigen Kick verpasste. Frauen hingegen hätten jahrtausendelang Kinder aufgezogen und mit diesen kommuniziert.

Diese Erkenntnisse schienen von der Verhaltensforschung bestätigt zu werden. 2001 veröffentlichte Simon Baron-Cohen von der Universität Cambridge eine Untersuchung, die in der Mädchen-Jungs-Diskussion oft zitiert wird. Neugeborenen wurden ein Mobile und ein menschliches Gesicht gezeigt. Buben verharrten länger beim (sich bewegenden) Mobile, Mädchen beim Gesicht.

Vor drei Jahren wurden diese Ergebnisse allerdings hinterfragt, und zwar von der US-Neurobiologin Lise Eliot. Ihr Buch „Pink Brain – Blue Brain“ unternahm den Versuch, die von Natur aus festgelegten Geschlechtermerkmale wieder Sozialisierung und Erziehung unterzuordnen.

Buben sind wild, basta? 


Zwar leugnet Eliot die neurobiologischen Unterschiede nicht, behauptet aber, dass diese ihre wahre Bedeutung erst durch die Interaktion mit der Umwelt erhalten. Dieser Ansatz wird von Untersuchungen gestützt, die nachwiesen, dass Erwachsene weibliche und männliche Babys anders behandeln. So wurde mit männlichen Säuglingen etwas forscher umgegangen als mit weiblichen. Und allein dieser winzige Aspekt in der Interaktion setzt sich in der gesamten Kindheit fort: Buben werden von Erwachsenen viel häufiger hochgeschupft und herumgewirbelt als kleine Mädchen.

Und diese unbewussten kleinen Unterschiede im Umgang mit dem großen Unterschied werden mit jedem Jahr mehr statt weniger. Auch Eltern, die Geschlechterstereotypen bewusst oder unbewusst gegensteuern, stehen – fast – auf verlorenem Posten zwischen Peers, Großeltern und den Einflüssen des Medien- und Spielzeugmarktes. „Ein Beispiel ist Lego“, sagt Philipp Leeb, der sich seit 2008 mit seinem Verein Poika um gendersensible Bubenarbeit bemüht. „In den 1960er- und 70er-Jahren war Lego ein Spielzeug für alle. Heute gibt's jede Menge rosa Lego, weil das die Mädchen wollen.“

Andererseits geben Eltern ihren Kindern sehr wohl auch jene Botschaften weiter, die den Stereotypen widersprechen: wie in einer Familie, in der nur die Mutter Auto fährt und die Töchter partout nicht verstehen, warum in anderen Familien der Mann am Steuer sitzt.

Nord-Dakota, Süd-Dakota. 

Ob die Geschlechter aufgrund ihrer natürlichen Anlagen so weit voneinander entfernt sind wie Mars und Venus oder eher – wie Lise Eliot glaubt – so weit wie „Nord- und Süd-Dakota“, ist für viele Aspekte der gesellschaftspolitischen Debatte nicht unerheblich.

Zum Beispiel für das, was seit einigen Jahren im deutschsprachigen Raum als „die Krise der Kerle“ durch die Medien geistert. Dieser Ansatz begreift den Geschlechterkampf als Nullsummenspiel: In dem Ausmaß, in dem die Frauen gesellschaftlich an Macht und Einfluss gewonnen haben, lautet die Diagnose, haben die Männer abgebaut. Was bleibt, so der Eindruck, ist ein entmännlichter, verunsicherter Haufen mit diffusem Rollenbild.

Dieses Problem hat nach Ansicht vieler Experten seine Wurzeln bereits in der Kindheit. Deshalb beschäftigt es derzeit alle, die mit Kindergärten und Schule zu tun haben. Bildungsinstitutionen, die sich mit braven Mädchen wesentlich leichter tun als mit wilden Jungs, wissen nicht so recht, wie sie damit umgehen sollen, dass Buben und Burschen zunehmend zum Problem werden. Das schlägt sich unter anderem in den Diagnosen der Aufmerksamkeitsdefizits- und Hyperaktivitätsstörung ADHS nieder. Diese wird bei Buben deutlich öfter diagnostiziert als bei Mädchen – und das derzeit in einem bedenklichen Ausmaß. „Die normale Inzidenz liegt zwischen drei und sieben Prozent“, sagt Brigitte Rollett. „Gemeldet werden teilweise 25 Prozent.“

Dieser Umstand wird von vielen als Indiz dafür gewertet, dass Buben nicht „artgerecht“ behandelt werden. Ihrem großen Bedürfnis nach körperlicher Bewegung werde nicht Rechnung getragen, ebenso wenig ihren oft unterentwickelten sozialen Fähigkeiten und ihrem Defizit im Ausdruck im Vergleich zu den Mädchen. Dafür gelte alles das, was Buben „starkmacht“, als unerwünscht: Rangeln und Raufen sind auf Schulhöfen im 21. Jahrhundert nicht sehr gerne gesehen.

Instabile Rollenbilder? 


Die Frage, wie man dieses Problem angeht, wird stark davon abhängen, wie man die Unterschiede zwischen Buben und Mädchen definiert. Anhänger der neurobiologischen und genetisch programmierten Denkschulen pochen darauf, dass Buben und Mädchen im Wesentlichen so sind, wie sie sind, und dass jeder Versuch, geschlechtsimmanente Verhaltensmuster zu ändern, nur Schaden anrichten und das gesamte Rollenbild destabilisieren kann. Kindern, so meinen sie, sollte zumindest bis zur Pubertät die Chance gegeben werden, ein gefestigtes Selbstbild auszubilden (siehe Interview unten).

Wer hingegen an das Primat von Erziehung und Sozialisation glaubt, muss darauf setzen, Entwicklungs- und Verhaltensdefizite durch aktives Gegensteuern auszugleichen. Wie Philipp Leeb mit Poika, der glaubt, dass Jungen auch deshalb über weniger Sozialkompetenz verfügen, weil sie einfach viel weniger als Mädchen aufgefordert werden, etwa über ihre Gefühle zu sprechen.

Und die Eltern? Die können sich überraschen lassen: davon, wie sehr ihr Bub ein Bub ist. Oder davon, dass ihm eine Puppe doch wichtiger ist als ein Auto.

Dienstag, 24. April 2012

Gehirngeschlecht.

aus: scinexx


„Der kleine Unterschied“ im menschlichen Gehirn   
 
Wie Östrogen und Co. die kognitiven Leistungen beeinflussen

Können Männer wirklich nicht zuhören, und sind Frauen tatsächlich unfähig einzuparken? Vorurteile dieser Art sind weit verbreitet und in den meisten Fällen falsch. Doch manchmal findet sich darin ein wahrer Kern. 


So sind Frauen tatsächlich bei verbalen Fähigkeiten überlegen, bei denen es auf das schnelle Nennen von Zielwörtern ankommt. Männern dagegen fallen manche Aufgaben leichter, die besonders das räumliche Vorstellungsvermögen fordern.

Wissenschaftler suchen seit einiger Zeit nach Gründen für diese unterschiedliche kognitive Leistungsfähigkeit. Sie sind dabei auf funktionelle Unterschiede zwischen den Hirnhälften und zwischen den Gehirnen beider Geschlechter gestoßen, für die wenigstens zum Teil Hormone verantwortlich sind…
.

Mehr als ein Dutzend Unterschiede… 

Gehirne von Mann und Frau sind nicht völlig gleich 

Die individuellen Leistungsunterschiede bei Männern und Frauen sind zwar größer als zwischen beiden Geschlechtern, trotzdem kommt es bei bestimmten kognitiven Aufgaben zu recht konstanten Unterschieden zwischen Männern und Frauen, die auch wissenschaftlich belegt sind.

So fallen Frauen beim „Wortflüssigkeitstest“ in einer Minute mehr Wörter ein, die z.B. mit einem „A“ oder einem „M“ beginnen als Männern. Dagegen schneiden Männer im Durchschnitt bei Tests besser ab, bei denen Vergleichsfiguren gefunden werden sollen, die mit der Zielfigur identisch sind.

Geschlechtsspezifische Unterschiede des Sprachvermögens und der visuellen Raumkognition sind also kein bösartiges Vorurteil, sondern wissenschaftliche Tatsache. Sie könnten das Ergebnis unterschiedlicher Erziehungsstile und/oder biologischer Faktoren sein. Für Letzteres spricht, dass sich weibliche und männliche Gehirne in ungefähr einem Dutzend anatomischer Merkmale unterscheiden.

Auf biologische Faktoren deuten auch spezielle Testergebnisse hin, in denen Geschlechtsunterschiede nicht nur in verschiedenen Nationen, sondern auch über die letzten 30 bis 40 Jahre hinweg recht konstant nachgewiesen werden, obwohl sich die Erziehungsstile in diesen Ländern und Zeitspannen extrem unterscheiden.

Zudem erhöhen sich bei Männern, die nach einer Geschlechtsumwandlung zu Frauen werden, unter Einnahme weiblicher Sexualhormone die Sprachkompetenzen auf Kosten der Raumkognitionen. Genau die umgekehrte Entwicklung machen Frauen durch, die zu Männern werden.



Sind die Hormone schuld?

Botenstoffe sorgen für geschlechtsspezifische Hirnmechanismen


Mentaler RotationstestAus Sicht der Wissenschaftler spricht viel dafür, dass die kognitiven Unterschiede zwischen Männern und Frauen zumindest zum Teil durch unterschiedliche hormonelle Faktoren entstehen können, die dann wahrscheinlich geschlechtsspezifische Hirnmechanismen nach sich ziehen. Doch müssten dann nicht auch die hormonellen Schwankungen während des weiblichen Monatszyklus Veränderungen von kognitiven Leistungen erzeugen? 

Forscher der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um die Biopsychologen Professor Dr. Onur Güntürkün und Dr. Markus Hausmann sowie den Neurologen Dr. Martin Tegenthoff sind dieser Frage nachgegangen und haben weiblichen Testpersonen, die keine Hormonpräparate wie beispielsweise die Pille einnehmen, zweimal während ihres Zyklus Aufgaben – zum Beispiel einen Rotations-Test – gestellt, bei denen Frauen meist schlechter abschneiden als Männer.

Ein Testzeitpunkt lag während der Menstruation (2. Tag), wenn alle Sexualhormone auf dem Tiefpunkt sind. Die zweite Aufgabe stellten wir in der Lutealphase (22. Tag), in der der Hormonspiegel an Östradiol und Progesteron sehr hoch ist. Die Ergebnisse waren eindeutig: Wenn die weiblichen Sexualhormone ihren Tiefpunkt erreichten (2. Tag), war die Leistung der Frauen beim mentalen Rotations-Test ähnlich gut wie die der Männer. 

Stiegen aber die Hormone zum 22. Tag an, dann sank die Leistung dramatisch ab. Die untersuchten Frauen waren demnach in ihrer visuell-räumlichen Fähigkeit nicht prinzipiell schlechter als die Männer – es kam nur drauf an, wann man sie testete.



Auf den Zeitpunkt kommt es an
 
Sexualhormone beeinflussen Hirnfunktionen


Da Sexualhormone vielfältige Einflüsse auf Hirnfunktionen haben, ist es nicht einfach, herauszufinden, welche dieser Funktionen bei den Versuchspersonen verändert wurden. Ein „aussichtsreicher Kandidat“ sind aus Sicht der RUB-Forscher die so genannten cerebralen Asymmetrien – die Funktionsunterschiede zwischen der linken und der rechten Hirnhälfte. Die linke Hirnseite zeigt bei Menschen eine Überlegenheit verbaler Fähigkeiten, während die rechte eine Dominanz für visuell-räumliche Funktionen besitzt.
Diese funktionellen Links-Rechts-Unterschiede sind bei Männern ausgeprägter als bei Frauen. Könnte es sein, dass Frauen und Männer sich kognitiv unterscheiden, weil die Asymmetrien ihrer Gehirne unterschiedlich sind? Doch dann müssten sich mit der Kognition auch die Hirnasymmetrien während des Monatszyklus verändern.

Die Wissenschaftler untersuchen die Asymmetrien beim Menschen mit einem speziellen Experiment – Visuelle Halbfeldtechnik -, das es ermöglicht, quasi nur einer Hirnhälfte Bilder zu zeigen: Wenn eine Versuchsperson ein Kreuz in der Monitormitte betrachtet, wird die Figur links vom Fixationskreuz nur von ihrer rechten Hirnhälfte gesehen. Sobald die Versuchsperson nach links blickt und die Figur zentral ansieht, nehmen natürlich beide Hirnhälften diesen Stimulus wahr. Für eine solche Blickbewegung brauchen Menschen circa 200 Millisekunden.

Verschwindet die seitliche Figur aber nach nur 180 Millisekunden vom Monitor, während die Versuchsperson noch auf das zentrale Fixationskreuz blickt, dann wird dieser lateralisierte Reiz nur von der rechten, das heißt contralateralen Hemisphäre wahrgenommen.

Menstruation verändert Gehirnasymmetrien

Visuelle Halbfeldtechnik
Im nächsten Schritt vergleichen die Testpersonen verschiedene Figuren: Zunächst prägen sie sich eine zentral dargebotene abstrakte Figur einige Sekunden lang ein, sodass beide Hirnhälften diesen Reiz speichern. Dann erscheint anstelle der zentralen Figur kurz das Fixationskreuz. Anschließend wird seitlich links oder rechts für 180 Millisekunden die gleiche oder eine andere Figur eingeblendet, während der Blick auf das Kreuz gerichtet bleibt. Die Testperson entscheidet nun so schnell wie möglich per Tastendruck, ob es sich um die gleiche (G) oder eine ungleiche Figur (U) handelt.
Ergebnisse des „Visuellen Halbfeldexperiments“
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In der Regel folgt die Antwort schneller und korrekter, wenn die zweite Figur auf dem Monitor links erscheint, da die rechte Hemisphäre bei visuell-räumlichen Aufgaben überlegen ist. Dieses Ergebnis bestätigten unsere männlichen Versuchspersonen sowie Frauen während der Menstruation. Dagegen war bei denselben Frauen die Leistung ihrer beiden Hirnhälften während der Lutealphase seitengleich. Die cerebralen Asymmetrien für visuell-räumliche Aufgaben hatten sich tatsächlich während des Menstruationszyklus radikal verändert.

Weniger Botenstoffe, mehr Leistung

Eine Reduktion der weiblichen Sexualhormone führt also sowohl zu einer Leistungssteigerung bei der mentalen Rotation als auch zu einer asymmetrischen Hirnorganisation. Auch bei Frauen nach der Menopause fanden die Forscher Links-Rechts-Unterschiede für visuell-räumliche Reize, die denen von Männern wie auch von Frauen während der Menstruation entsprachen.

Die Untersuchungen der RUB-Wissenschaftler zeigen, dass sich die Asymmetrie vor allem mit der Fluktuation des Hormons Progesteron veränderte. Progesteron steigt zum 22. Tag des Monatszyklus an und fällt dann wieder ab. Im Gehirn erhöht Progesteron die Effektivität der Rezeptoren für den hemmenden Botenstoff GABA und reduziert gleichzeitig die Aufnahme und Umsetzung des aktivierenden Botenstoffs Glutamat.

Insgesamt sollte Progesteron somit auf viele Hirnprozesse dämpfend wirken. Dabei könnte Progesteron die cerebralen Asymmetrien vor allem durch die Modulation des Informationsaustausches zwischen den beiden Hirnhemisphären über die große Faserverbindung (Corpus callosum) verändern.


„Brücke“ zwischen den Hirnhälften
 
Das Corpus callosum

Das Corpus callosum besteht aus über 200 Millionen Fasern und verbindet beide Hirnhälften miteinander. Die Nervenzellen, die das Corpus callosum bilden, verwenden fast ausschließlich Glutamat. Während der Lutealphase könnte das Progesteron somit die Effizienz dieser Verbindung und damit zugleich die cerebralen Asymmetrien verringern. Wenn diese Überlegungen stimmen, müsste während des Menstruationszyklus die gesamte Erregbarkeit innerhalb der Hirnrinde schwanken. Doch wie kann man das nachweisen?
Magnetstimulation
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Mit Hilfe der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) lässt sich die Erregbarkeit des menschlichen Gehirns schonend untersuchen. Diese neurophysiologische Methode wird seit mehr als zehn Jahren in der Neurologie als Diagnoseverfahren eingesetzt.

Das technische Grundprinzip besteht darin, dass sich durch einen starken Stromfluss innerhalb einer Rundspule ein Magnetfeld aufbaut, das ungehindert und schmerzfrei die Schädeldecke durchdringt und durch elektromagnetische Induktion innerhalb der Hirnsubstanz einen elektrischen Strom erzeugt und somit einzelne Gehirnzellen erregt.

Durch eine spezielle Reiztechnik, bei der ein unterschwelliger TMS-Reiz wenige Millisekunden vor einem überschwelligen Testreiz gegeben wird, lässt sich die Erregbarkeit der Zielregionen im Gehirn untersuchen. Diese Methode stützt sich auf die Existenz von Zellverbänden innerhalb der Hirnrinde, die über ihre Synapsen einen hemmenden (inhibitorischen) Einfluss auf die nachgeschalteten Areale haben, während andere Neuronenverbände in der Nachbarschaft die nachgeschalteten Funktionsbereiche des Gehirns eher erregen (exzitieren).

Beträgt der zeitliche Abstand zwischen dem ersten und dem zweiten Reiz nur ein bis vier Millisekunden, werden hauptsächlich die inhibitorischen GABA-Zellverbände aktiviert. Bei einem größeren zeitlichen Abstand von acht bis 20 Millisekunden sind es dagegen die exzitatorischen Neuronenverbände, die Glutamat als Botenstoff einsetzen.

Die standardisierte zeitliche Abfolge einer Doppelreizmethode erlaubt eine differenzierte Aussage bezüglich der aktuellen hemmenden und erregenden Zellaktivität in einer bestimmten Hirnregion. Mit einer vergleichbaren TMS-Technik untersuchen die Forscher die Signalübertragung zwischen den beiden Hemisphären über das Corpus callosum.Diese TMS-Doppelreiz-Methode wurde nun bei Frauen in unterschiedlichen Phasen des Menstruationszyklus eingesetzt. Die Aktivität der hemmenden und erregenden Neuronenverbände zeigte dabei in Abhängigkeit von den unterschiedlichen Zyklusphasen deutliche Schwankungen. So verringerte sich die Aktivität der erregenden Zellverbände bei hoher Konzentration der Sexualhormone Östradiol und Progesteron in der Lutealphase deutlich, während die hemmenden Zellverbände gleichzeitig aktiviert wurden. Hieraus resultierte nach Angaben der Wissenschaftler insgesamt eine verminderte Aktivierbarkeit bestimmter Hirnregionen. 

Dies ist genau der Effekt, den die Forscher für Progesteron durch die Reduktion der Glutamat- und die Erhöhung der GABA-Übertragungseffizienz erwartet hatten.
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Sind Frauen tatsächlich unfähig einzuparken?
Gleichzeitig war eine Veränderung des Informationsaustausches zwischen den beiden Hemisphären über das Corpus callosum nachweisbar: In der Lutealphase verringerte sich die Signalvermittlung, was den Test-Ergebnissen der Visuellen Halbfeldtechnik entspricht. Damit konnten die RUB-Wissenschaftler ihre Hypothese einer im Verlauf des Menstruationszyklus wechselnden Erregbarkeit der Hirnrinde und einer Modulation der Interaktion zwischen den Hemisphären bestätigen.Die mit sehr unterschiedlichen Verfahren gewonnenen Untersuchungsergebnisse belegen eindrucksvoll eine im Verlauf des weiblichen Zyklus vorhandene hormonvermittelte wechselnde Asymmetrie der Hirnfunktion. Diese Schwankungen schlagen sich in tagtäglichen Funktionen nieder. Die Ergebnisse der RUB-Forscher zeigen nicht nur, dass sich „der kleine Unterschied“ im Gehirn des Menschen objektiv begründen lässt, sondern dass dieser Unterschied hormonabhängig schwankt.